Vom universitären Planspiel in die journalistische Praxis: Als Journalistik-Studentin im vierten Semester, bin ich am vergangenen Sonntag für drei Tage eingetaucht in die Themen der renommierten Zeitungsmacher – in Wien auf dem European Newspaper Congress (ENC).
Die meisten von ihnen habe ich noch nie live gesehen. Einige von ihnen kenne ich allenfalls von Bildern. So, wie beispielsweise Annette Milz. Sie lächelt mir einmal im Monat von der dritten Seite des medium-Magazins entgegen, oben links in der Ecke. Gut, Chefredakteur Christian Lindner von der Rhein-Zeitung bin ich mal bei einem Journalisten-Seminar in Frankfurt über den Weg gelaufen. Nur gehört hatte ich dagegen von Professor Joachim Blum, dem Medienberater.
Auf dem ENC in Wien sind sie jetzt alle zusammengekommen: Rund 500 Journalisten und Wissenschaftler, Medienberater und Geschäftsführer. Es geht um Europas beste Zeitungsmacher. 133 von Ihnen werden mit Awards ausgezeichnet.
Eine unterhaltsame und lockere Kennenlernrunde mit leckerem Essen: Das ist der Heurigen-Abend, einen Tag vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung. Foto: www.newspaper-congress.de
Akkreditiert über den Eichstätt-Blog, mische ich mich in die Menge und lausche den zahlreichen Fachvorträgen.
Beispielsweise spricht Marktforscher Florian Bauer über die Zukunft der Paywall im Internet: “Bei der Paywall geht es um die Wertschätzung und Bezahlgewohnheiten der Kunden. Die Verlage haben es versäumt, dem Kunden deutlich zu machen, was er für ein Onlineprodukt bekommt und was, wenn er die Printausgabe liest.”
Podiumsdiskussion: Alles gratis, alles bezahlt, oder vielleicht ein Mittelweg? Wohin steuern wir im Internet? Foto: www.newspaper-congress.de
Auch bei der anschließenden Podiumsdiskussion sind sich die Teilnehmer nicht einig: Alles gratis, alles bezahlt, oder vielleicht ein Mittelweg? Wohin steuern wir im Internet? Eine klare Antwort auf diese zentrale Frage bleiben die Diskutanten schuldig. Kein Wunder, denn nirgendwo gibt es bislang ein Konzept, das die Kassen wirklich klingeln lässt.
Norbert Küpper hingegen wird sehr deutlich, wenn es um die Zeitungsgestaltung geht. Der Zeitungsdesigner und Mitorganisator der Veranstaltung zeigt die Layouttrends 2012.
Zeitungsdesigner und Mitorganisator Norbert Küpper über die Zeitungstrends 2012. Foto: www.nespaper-congress.de
Immer beliebter bei den Deutschen: Visual Storytelling. Das Erzählen von Geschichten mit visuellen Mitteln. Große Bilder und aufwendige Infografiken werden auch in Lokalteilen immer öfter als optisches Stilmittel eingesetzt. Diese Art der Gestaltung lockt zum Weiterlesen. Ich bin erstaunt, was beim Layout alles möglich ist. Viele der Siegerzeitungen und eine CD mit allen ausgezeichneten Seiten habe ich meinen Kommilitonen als Anschauungsmaterial mitgebracht. Ich hoffe, sie sind davon genauso begeistert wie ich. Vielleicht kann sogar unser trimediales Projekt Einsteins in diesem Semester davon profitieren.
Und wer weiß – eventuell gewinnen dann auch wir 2013 einen Award. Dieses Jahr zählen noch andere zu den Glücklichen. Eine internationale zehnköpfige Jury hat sie unter den Bewerbungen von 226 Zeitungen aus 27 Ländern ausgewählt:
• Die Kopenhagener Zeitung “Berlingske” wird mit dem European Newspaper Award als beste überregionale Zeitung ausgezeichnet. 2011 wurde die Zeitung komplett neu gestaltet.
• Beste Lokalzeitung darf sich die norwegische “Hordaland” nennen. Das Blatt hat eine Auflage von 9500 Exemplaren und zeigt im Magazin aufwendig produzierte Fotostrecken.
• Europas Wochenzeitung des Jahres ist die Schweizer “NZZ am Sonntag“. Chefredakteur Felix E. Müller und sein Team setzen auf lange Texte und weichere Themen.
• Zu Europas bester Regionalzeitung des Jahres kürte die Jury die “Berliner Morgenpost“. Besonders stolz ist Chefredakteur Carsten Erdmann auf das eigene Familien-Ressort. “Wir verstehen uns als Navigationssystem für die urbane Familie”, sagt Erdmann.
Neben den vier Hauptpreisen wurden Zeitungsmacher in 20 Kategorien für besondere Konzepte und Seiten geehrt. Die Main-Post ist dabei die erfolgreichste deutsche Regionalzeitung und wurde mit sechs Preisen in den Kategorien Lokalseiten, Sonderseiten, Fotografie, Visualisierung und Kinderseite ausgezeichnet.
Insgesamt sind die drei Tage auf dem Kongress eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung für mich gewesen. Diese wird mir hoffentlich bei den künftigen universitären Planspielen von Nutzen sein.
Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, spricht über die Paywall und sagt, warum es richtig ist, Zeitungsseiten auch mal freizuräumen:
Professor Joachim Blum fasst die wichtigsten Layouttrends zusammen und erzählt, was uns die skandinavischen Zeitungen voraus haben:
