Bürgerkrieg in Düsseldorf

Fußball-Relegationsspiel war kurz vor einem Blutbad.

Fortuna-Fans stürmen das Spielfeld. Foto: alex

Fortuna-Fans stürmen das Spielfeld. Foto: alex

Vier gebürtige Düsseldorfer studieren in Bayern – einer in Ingolstadt, einer in München und zwei in Eichstätt. Gemeinsam wollten diese vier Studenten die Fußballmannschaft Fortuna Düsseldorf bei den zwei Relegationsspielen gegen Berlin unterstützen, anfeuern und den Aufstieg in die erste Liga realisieren. Das Hinspiel in Berlin gewinnt die Fortuna mit 2 zu 1. Das Rückspiel endet 2 zu 2 – und noch dazu in einem riesigen Platzsturm-Chaos. Die Fortuna ist sportlich eigentlich aufgestiegen! Doch Hertha BSC Berlin legt Protest gegen die Wertung des Spiels ein. Der Eichstätter Journalistik-Student Mathias von Lieben war bei beiden Spielen live vor Ort und  kommentiert die Vorkommnisse aus dem Düsseldorfer Stadion und das, was die Medien daraus gemacht haben.

Blutbad, Skandal, Schande, Todesangst… Hört man nur diese Schlagwörter ohne Zusammenhang, man könnte meinen es handele sich um einen Bürgerkrieg. Das Ganze sind aber repräsentativ gewählte Ausdrücke, die in der medialen Aufbereitung eines Fußballspiels (!) verwendet wurden. Das vorweg: Tote oder Verletzte gab es nach dem Relegationsrückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin nicht.

Es kann und darf nicht ausgeblendet werden, dass bei dem für beide Mannschaften sehr wichtigen Spiel so einiges schief gelaufen ist. Pyrotechnik wurde in Massen abgebrannt und die Düsseldorfer Anhänger stürmten zwei Minuten vor Ablauf der Nachspielzeit das Spielfeld. Das geht nicht!

Die Berliner fühlten sich durch den Platzsturm der Fortuna-Fans in ihrem Spielfluss dermaßen behindert, dass sie vorerst für 20 Minuten in der Kabine blieben, um dann die letzten knapp 90 Sekunden des Spiels in Unterzahl zu Ende zu spielen. Regelkonform wurde die Partie von Schiedsrichter Wolfgang Stark wieder angepfiffen und zu Ende geführt. Fortuna steigt also in die erste Liga auf.

Denkste! Der Manager der Berliner, Michael Preetz, gab am Mittwoch bekannt, dass die Hauptstädter Protest einlegen und ein Wiederholungsspiel fordern. Der DFB (Deutscher Fußball Verband) entscheidet am Freitag. Sportrechtler gehen aber nicht davon aus, dass es tatsächlich zu einer Wiederholung kommt.

Betreibt man nun Ursachenforschung, muss hierbei primär das Sicherheitskonzept in der Düsseldorfer ESPRIT-Arena hinterfragt werden.

Wie ist es möglich, dass gefühlt 200 Bengalen gezündet werden, zehn Raketen abgeschossen werden und diverse Rauchbomben die Sicht versperren.

Wie ist es möglich, dass einige tausend Fans vor Ablauf der offiziellen Nachspielzeit den Platz stürmen?

Das sind Fragen, die zumindest das Sicherheitskonzept der Fortuna als nicht erstligareif enttarnen. Der gastgebende Verein muss gewährleisten, dass alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.

Aber erinnern wir uns doch einmal zurück an das Spiel St. Pauli gegen Hansa Rostock vor zwei Jahren. Bilanz: hunderte Verletzte, zwischenzeitlicher Spielabbruch, Sachbeschädigung im fünfstelligen Bereich. In solch einem Fall kann man sogar fast das Wort „Straßenschlacht“ benutzen.

Oder aber das andere Relegationsspiel an diesem Montag zwischen dem Karlsruher SC und der Jahn aus Regensburg. Der Platzsturm der Karlsruher Fans war eindeutig gewalttätig motiviert und nicht wie in Düsseldorf, wo die Fans vor Freude das Feld stürmten.

Die mangelhaften Sicherheitsbeschränkungen in den deutschen Stadien sind seit längerer Zeit bekannt. Fortuna Düsseldorf hat den Platzsturm nicht neu erfunden. Mittlerweile ist es fast schon so etwas wie Tradition, dass die Fans nach einem Aufstieg mit ihrer Mannschaft auf dem Platz feiern.

Der zu frühe Platzsturm war dumm und naiv! Ein typisches Massenphänomen: der eine meint den Schlusspfiff gehört zu haben, läuft los, und alle folgen ihm. Die Leute sind angetrunken, elektrisiert von der Stimmung im Stadion. Sie sind glücklich und wollen ein Fußballfest feiern. Aber keiner von ihnen will Gewalt anwenden. Der Familienvater will seinem jungen Sohn mal was ganz Besonderes ermöglichen, das junge Pärchen hat den Eventcharakter beim Fußball entdeckt und will mittendrin sein. Aber keiner wollte den Berliner Fußballern an die Gurgel.

„Leichenblass“ und „todesängstlich“ saßen die Berliner laut ihrem verantwortlichen Rechtsanwalt Christoph Schickhardt in der Umkleidekabine während der Unterbrechung. Das Wort „Blutbad“ fiel in diesem Zusammenhang.
Ein geschickter Schachzug des Berliner Juristen: mit der Verwendung solcher Begriffe polarisiert er bewusst – ein gefundenes Fressen für die Medien.

Bild.de richtet eine eigene Sportrubrik mit dem Titel „Die Fußball-Schande von Düsseldorf“ ein. Philipp Köster, der Chefredakteur des renommierten Fußballmagazins 11 Freunde, plädiert in einem Online-Kommentar für eine Wiederholung des Spiels. Die ARD behandelt den Düsseldorfer Fußball-Skandal in einer Sonderausgabe der Sendung „Brennpunkt“. Das ZDF schiebt sogar vor der Küstenwache noch schnell ein „ZDF spezial“ zu der Thematik rund um das Spiel ein. Sei es Online, Print oder TV, alle springen auf den Zug und schließen sich der in Teilen sehr undifferenzierten Berichterstattung an.

Genau so wird öffentliche Meinung in einer Art und Weise manipuliert, dass Fußballbegeisterte, die nicht beim Spiel waren und es nicht im Fernseher verfolgt haben, ein völlig falsches und verdrehtes Bild von diesem Abend bekommen. Es entsteht eine Hetzkampagne gegen den Verein Fortuna Düsseldorf und es wird so getan, als ob genau dieses Spiel eine neue Debatte um den Themenkomplex „Gewalt im Fußball“ ausgelöst hat. Ein Spiel, bei dem es keine Verletzte gab, niemand überhaupt körperlich angegriffen wurde (außer vielleicht Schiedsrichter Stark vom Berliner Levan Kobiashvili).

Unter solch einer übertriebenen, auf Klicks ausgerichteten Berichterstattung leidet nicht nur der Verein Fortuna Düsseldorf, sondern der gesamte deutsche Fußball.
Die Verantwortlichen beim DFB sollten sich genau überlegen, ob sie solch existenzielle Relegationsspiele nicht einfach wieder abschaffen und zum klassischen System zurückehren. Denn das, was am Dienstag in Düsseldorf passiert ist und im Nachhinein von den Medien bis ins kleinste Detail auseinandergenommen wurde, ist es nicht wert, dass die Volkssportart der Deutschen dermaßen in die Kritik gerät.

Die Entwicklung, dass Fußballfans überhaupt die Möglichkeit haben, durch verschiedene Aktionen aktiv ein offizielles Spiel beeinflussen zu können, sollte schnellstens gestoppt werden. Hierbei sind neue Sicherheitskonzepte in ganz Deutschland gefragt, die der DFB in Zusammenarbeit mit Sicherheitsexperten, Fanbeauftragten und Stadionbetreibern umgehend in Angriff nehmen muss.

Fortuna Düsseldorf muss trotz alledem deutlich sanktioniert werden. Entweder müssen sie eine hohe Geldsumme zahlen oder ein Spiel ohne Zuschauer austragen. Der Aufstieg darf ihnen aber keinesfalls genommen werden.

Um abschließend auch eine sportliche Analyse zu liefern, die sonst beinahe überall zu kurz kommt, hier eine kurze Einschätzung der Relegationsspiele.

Die Hertha aus Berlin war in beiden Spielen mal wieder zu inkonsequent und undiszipliniert. Die Fortuna hat auf ihre Chancen gewartet und eiskalt zugeschlagen. Sportlich kann man den Aufstieg der Fortuna nicht hinterfragen.

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4 comments

  1. Ganz stark argumentiert! Es bleibt aber dabei: Eine Diskussion, bei der stets zwei völlig gegenteilige Meinungen aufeinander prallen werden.

  2. Ich kann mich für diesen Artikel auch nur bedanken! – Ich empfinde es als eine absolute Frechheit, welche Hetzkampagne unsere Medienlandschaft gegen Fortuna Düsseldorf fährt. Waren es nicht überwiegend Berliner “Hooltras”, die ein Meer an Bengalos gezündet und den Spielabbruch provoziert haben? Wer “Düsseldorf” sagt, muss auch Karlsruhe, Köln oder Rostock sagen! Ganz nebenbei, und auch hier stimme ich Mathias zu, war der Platzsturm zu keinem Zeitpunkt durch eine aggressive oder brutale Grundstimmung bedingt, sondern eine naive Dummheit!

    Habe heute bei die Aussage vom Schiedsrichter, Herrn Stark, gelesen. Im Folgenden ein paar Auszüge …

    „Der Spieler Lewan Kobiaschwili hat mit ausgestreckter Faust in meine Richtung geschlagen. Ich habe mich weggeduckt, bin dann am Hinterkopf getroffen worden. Einzig das Treppengeländer verhinderte einen Sturz, und das wären fünf bis sechs Meter gewesen.“ (…) Danach sei er weiter attackiert worden. So habe ihn Christian Lell am Arm gepackt. Beleidigungen wie „Du feige Sau!” und „Du feiges Schwein!” seien gefallen. Hertha-Kapitän Mijatovic, so Stark, habe ihn als „Wichser” bezeichnet. (…) Die Herthaner hätten „die Kabine stürmen” wollen. Stark: „Wir mussten die Türen immer wieder zudrücken. Ich konnte Mijatovic und Kraft (Hertha-Keeper, die Red.) erkennen. Dabei fielen weitere Beleidigungen: ‘Stark, Du Arschloch!’ Ich hatte Angst und war den Tränen nahe und musste mir auf die Lippen beißen. So etwas habe ich noch nicht erlebt”, sagte der 42 Jahre alte Fifa-Schiedsrichter.”

    Dachte ich nach dem Spiel noch aus Fairnessgründen an ein Wiederholungsspiel (rein sportlich ist Berlin für mich abgestiegen), so hat sich meine Meinung nun grundlegend geändert: dieses Berliner Verhalten hat NICHTS mit Fair-Play zu tun und entbehrt jeglicher Vorbildfunktion! – Solche “Sportsmänner” haben ein Wiederholungsspiel trotz “Todesangst” nicht verdient!

  3. Sehr schöner Kommentar, sehe ich ähnlich. Am peinlichsten finde ich allerdings, die wahren Hooligans auf dem Platz, erst die zwei durchgeknallten Spieler, die versuchen sich gegenseitig umzuboxen, so ein Kinderkram!
    Und danach die Angriffe auf den Schiedsrichter, wie bescheuert sind die eigentlich?

  4. Vielen Dank für diesen Artikel!
    Ich empfand die Störungen in dem Spiel nervig, weil sie die Spannung genommen haben. Ich saß teilweise fassungslos da, aber musste auch darüber lachen. Was jetzt daraus gemacht wird ist einfach nur lächerlich. Die Entscheidung ist ja leider vertagt auf Montag, aber ich Drücke Düsseldorf die Daumen und hoffe dass Pretz dann endlich seinen Hut nimmt und geht!

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